Kompass richtig lesen und benutzen

Aktualisiert am 3. September 2026

Ein Kompass beantwortet genau eine Frage – in welche Richtung schaue ich? – und er beantwortet sie im Regen, unter dichtem Blätterdach und mit leerem Akku. Hier steht, welche Teile wirklich zählen, wie du eine Marschzahl nimmst und hältst, wie die Rückmarschzahl dich zum Auto bringt – und wo der Kompass in deinem Handy dich stillschweigend anlügt.

Die fünf Teile, auf die es ankommt

Jeder Plattenkompass, ob 10-Euro-Modell oder teurer Silva, hat dieselben arbeitenden Teile:

Schema eines Plattenkompasses mit beschrifteter Magnetnadel, Kompassdose, Nordpfeil, Marschrichtungspfeil, Ablesemarke und Grundplatte
Fünf Teile machen die ganze Arbeit. Das rote Nadelende ist das, das nach Norden zeigt.

Wie funktioniert ein Kompass? Die Zehn-Sekunden-Version

Halte den Kompass flach in der Handfläche, waagerecht, vor der Brust. Lass die Nadel zur Ruhe kommen. Das rote Ende ist Norden; hinter dir liegt Süden, rechts Osten, links Westen. Mehr Physik braucht es nicht: Die Nadel ist ein kleiner Magnet, der sich am Magnetfeld der Erde ausrichtet – ohne Strom, ohne Satelliten, ohne Netz.

Waagerecht ist wichtiger, als die meisten denken. Kippst du den Kompass, schleift die Nadel an der Kapsel und zeigt Unsinn an. Also: flach, auf Hüfthöhe, Arme locker.

Marschzahl nehmen – und ihr wirklich folgen

Die Marschzahl (auch Azimut oder Peilung genannt) ist nichts weiter als eine Zahl zwischen 0 und 360, die „in diese Richtung“ bedeutet. Das ist die ganze Methode:

Drei Schritte: Marschrichtungspfeil anvisieren, Dose drehen bis der Nordpfeil unter der roten Nadel liegt, Zahl an der Ablesemarke ablesen
Anvisieren, Nadel einfangen, ablesen. Jedes Mal dieselben drei Handgriffe.

Im Browser ausprobieren → ein Kompass zum Drehen: Dose einstellen, Nadel einfangen, Zahl ablesen.

Der Trick gegen das Abdriften

Niemand geht geradeaus, indem er auf eine Nadel starrt. Stattdessen visierst du entlang deiner Marschzahl etwas Auffälliges fünfzig oder hundert Meter voraus an – einen schiefen Stamm, einen Felsblock, eine Lücke. Kompass weg, hingehen, Marschzahl neu nehmen, nächstes Ziel suchen. Wiederholen.

So durchquerst du einen Wald, ohne einen Bogen zu laufen. Und du kannst um ein Moor oder ein Dickicht herumgehen und die Linie auf der anderen Seite wieder aufnehmen.

Zwei Bilder: ein gebogener, abdriftender Weg beim Blick auf die Nadel, gegenüber einer geraden Linie beim Anvisieren von Zielen voraus
Niemand geht gerade, wenn er auf die Nadel starrt. Nach vorn anvisieren, hingehen, wiederholen.

Die Rückmarschzahl – die bringt dich nach Hause

Bist du mit einer Marschzahl von 60° in den Wald gegangen, ist der Weg zurück 60 + 180 = 240°. Liegt die Zahl über 180, ziehst du stattdessen ab: hinein mit 300°, zurück mit 120°.

Merk dir die Marschzahl in dem Moment, in dem du die Straße verlässt. Diese eine Zahl plus die ungefähre Gehzeit ist ein echter Plan für den Rückweg – weit besser als das vage Gefühl, das Auto stehe „irgendwo da drüben“.

Der Haken: Es funktioniert nur, wenn du die Marschzahl auf dem Hinweg auch gehalten hast. Pilzesuchen ist genau die Tätigkeit, bei der das nicht passiert. Deshalb schlägt den tatsächlich gegangenen Weg aufzuzeichnen jede Rekonstruktion im Kopf.

Ein Kompasskreis mit einer Hinweg-Marschzahl von 60 Grad und der Rückmarschzahl von 240 Grad
Hinein mit 60°, zurück mit 240°. Unter 180 plus 180, über 180 minus 180.

Magnetisch Nord ist nicht geografisch Nord

Deine Nadel zeigt auf den Magnetpol, und der ist nicht der Nordpol und wandert obendrein. Der Unterschied – die Deklination (Missweisung) – hängt davon ab, wo du stehst: in Mitteleuropa nahe null, in Teilen Nordamerikas bis zu 15–20°.

Für einen Waldspaziergang mit dem Handy als Rückversicherung kannst du sie ignorieren. Für Kartenarbeit über lange Strecken nicht: 10° Fehler sind nach einem Kilometer rund 175 Meter daneben. Topografische Karten drucken die örtliche Deklination am Rand; für beliebige Koordinaten liefert sie der Magnetfeld-Rechner der NOAA.

Kompass mit Karte

Kompass ohne Karte

Die meisten Menschen im Wald haben keine Karte, und ein Kompass allein hilft trotzdem – aber nur für eine Aufgabe: eine gerade Linie halten. Er kann dir nicht sagen, wo du bist. Er kann aber das Kreislaufen verhindern, sodass „nach Westen gehen, bis ich auf die Straße stoße“ tatsächlich an der Straße endet.

Die nützliche Frage lautet also nicht „Wo bin ich?“, sondern „Was weiß ich, das in einer Linie liegt?“ Eine Straße, ein Bach, eine Stromleitung, ein Seeufer – alles, was lang genug ist, dass du es nicht verfehlen kannst, wenn du quer darauf zugehst. Zielen auf die Linie, nicht auf den Punkt.

Der Kompass im Handy – und die Kompass-App

Dein Handy hat ein echtes Magnetometer, und das funktioniert völlig ohne Netz – siehe funktioniert GPS ohne Internet. Eine Kompass-App zeigt dir, was dieser Sensor misst, mehr nicht; kostenlose gibt es für iPhone und Android zuhauf, und auf dem iPhone ist eine schon vorinstalliert. Zwei Dinge musst du wissen:

Ein echter Kompass hat einen Vorteil, der Respekt verdient: Ihm geht nie der Akku aus.

Ganz ohne Kompass

Häufige Fragen

Welches Nadelende zeigt nach Norden? Das rote – bei praktisch jedem Kompass, der je gebaut wurde.

Funktioniert ein Kompass im Wald? Ja – das Blätterdach stört GPS, nicht den Magnetismus. Eisenhaltiger Boden und Stromleitungen können ihn örtlich ablenken; zwanzig Meter weitergehen und neu prüfen, wenn ein Wert falsch wirkt.

Geht der Handykompass offline? Ja. Er ist ein Sensor, kein Dienst.

Muss ich das alles wissen, um Pilze zu sammeln? Nein. Du brauchst eine Sache: einen Weg zurück zu dem Punkt, an dem du gestartet bist. Ein Kompass ist ein Weg; die Marschzahl, die du dir an der Straße gemerkt hast, ein zweiter; die aufgezeichnete Spur ist der, der einen Nachmittag Herumstreifen überlebt.